hervorgegangen aus der IG-Abwasser
Herrn Hoffmann
Oberbürgermeister der Stadt Darmstadt
Herrn Prof. Horst Blechschmidt
Vorsitzender Aufsichtsrat HSE
Herrn Albert Filbert
Vorstandsvorsitzender HSE
Herrn Dr. Peter Müller
Vorstand GGEW
Per E-Mail
Darmstadt, den 8. August 2006
Sehr geehrte Herren,
die ausführlichen Presseberichte der letzten Tage über die Verschärfung der Situation zwischen der HSE/Entega/e-ben und der GGEW haben uns zu diesem Brief veranlaßt.
In mehreren Schreiben an unsere Fraktion und an alle anderen politischen Gruppen in der Stadtverordnetenversammlung haben sowohl HSE als auch GGEW in den letzten Wochen
jeweils ihre Sicht zu diesem Thema dargelegt und einen konstruktiven Dialog angeregt.
Dieser Anregung sind wir gefolgt und wir bedanken uns hiermit nochmals ausdrücklich für die Gespräche, die wir sowohl mit H. Filbert (HSE) als auch mit H. Mülller (GGEW) zum Thema Entega und e-ben geführt haben.
Die Entwicklungen der letzten Tage stimmen uns von der UWIGA mehr als nachdenkllich.
Erstens - wie ist es aus politisch-ethischer Sicht zu bewerten, wenn ein Unternehmen in öffentlicher Hand nach reinsten marktwirtschaftlichen Prinzipien zu einem derart agressiven Wettbewerb gegen ein anderes öffentliches Unternehmen im Gebiet einer anderen Kommune antritt ?
Diese Frage sollte sich jeder politisch Verantwortliche stellen - ganz besonders wenn dies unter dem oft als Deckmantel mißbrauchten Begriff der Daseinsvorsorge geschieht.
Zweitens - ist es für uns bedenklich, daß dieser „Schritt im Wettbewerb“ publizistisch umrahmt wird mit Pressemitteilungen, in denen nach unserer Ansicht durch Weglassen von Information mißverständliche Interpretationen zumindest in Kauf genommen werden - vielleicht sogar bewußt provoziert werden ?
Wenn dabei indirekt mit den Ängsten der Verbraucher gespielt wird - „...wahrscheinlich Versorgungsengpässe im Winter...“ ist es nicht nur bedenklich, es ist moralisch inakzeptabel.
Es kann nicht toleriert werden bei den dafür Verantwortlichen - gerade weil diese als Manager eines kommunalen Konzerns agieren, der immer wieder das Wohl und Wehe der Stadt, der Region und deren Bürger als die Leitlinie seines Handelns propagiert.
Wir appellieren hiermit an Sie und alle anderen Beteiligten - in den Unternehmen, aber auch ganz besonders an die politisch Verantwortlichen - sich guten Willens an einem echten Dialog zu beteiligen, der tatsächlich konstruktiv ist und das Ziel haben muß, die jetzige Situation zu entschärfen.
Auch unter harten Wettbewerbsbedingungen muß ein fairer Umgang miteinander möglich.
Diese unsere Kritik an der öffentlichen Vorgehensweise ist unabhängig von der Beurteilung des unternehmerischen Schrittes einer neuen Vertriebstochter für einen lokalen Markt.
Mit den Informationen und Erläuterungen, die wir dazu zwischenzeitlich gesammelt und erhalten haben, ergeben sich für uns aber leider auch hier mehr Fragen als Antworten.
Diese sachbezogene Thematik haben wir im zweiten Teil dieses Briefes ausgeführt.
Es wäre sehr hilfreich gewesen, hätten uns ausreichend Information vorgelegen zu dem Zeitpunkt, als die politischen Gremien über diese Neugründung e-ben entschieden haben.
Vor allem aufgrund der spärlich bis gar nicht vorliegenden Information haben wir damals bewußt mit NEIN dagegen gestimmt, eine separate Vertriebsgesellschaft zu gründen.
Wir können nur hoffen und fordern, daß alle dafür Verantwortlichen künftig das politische Verfahren im Vorfeld einer solchen Entscheidung deutlich verbessern.
Hochachtungsvoll
UWIGA Fraktion - H. Klett, W. Bornheimer, W. Oßmann, G. Hang
Positiv sehen wir, daß auch die Gaspreise für die Kunden der Entega zum 1. 8. 2006 um ca. 25% gesenkt wurden, je nach Tarifart und Bezugsvolumen etwas mehr bzw. etwas weniger.
Dennoch liegen die Preise der Entega immer noch um ca. 20% höher als die Preise, zu denen e-ben Gas anbietet - lieferbar ab 1. Oktober 2006 !! Das zeigt der Preisrechner für Gas auf der e-ben-Webseite.
Vor Ankündigung der neuen Entega-Tarife konnte man Anfang Juli mit eben diesem Preisrechner auf der e-ben-Webseite sogar die enorme Differenz von fast 50% zwischen den alten Entega-Tarifen und dem e-ben-Angebot schwarz auf weiß haben.
Allein schon aus diesem optischen Grund mußten diese Tarife der Entega gesenkt werden - eine 50%-Differenz wäre niemandem zu vermitteln und vielleicht auch juristisch angreifbar.
Es heißt, dies sei vorweggenommen die Reduktion der Netzentgelte, welche die Bundesnetzagentur zum Stichtag 1. Oktober 2006 regulierend vorschreiben werde. Wieso geschieht dies gerade jetzt zum 1. August als e-ben auf den Markt kommt ? Woher ist denn bei HSE bekannt, um wieviel exakt die Netzentgelte im Oktober gesenkt werden ?
Ein möglicher Umkehrschluß wäre doch auch, daß die HSE bisher überhöhte Netzentgelte den Kunden in Rechnung gestellt hat - aufgrund einer marktbeherrschenden Stellung ?
Die Netzentgelte der HSE von heute etwa 260 Mio € werden ab Oktober dann etwa 50 Mio €niedriger sein - das ist mehr als der gesamte HSE-Überschuß in 2005. Was heißt das für die Stadt als Anteilseigner ? Weniger Ausschüttungen ? Kostenreduktion durch Entlassungen ?
Im Schreiben der HSE an die Fraktionen wurde das Potential und die niedrigeren Preise der eben vor allem mit den höheren Umsätzen pro Netz-km im Gebiet der GGEW begründet.
Nach unseren Zahlen hat das Netz, für das die Entega Gas anbietet (HSE plus Stadtwerke Mainz) ca. 3.400 km - ohne die Hausanschlüsse. Mit den für das Geschäftsjahr 2005 veröffentlichten Umsatzerlösen der Entega mit Erdgas von 402 Mio € errechnet sich daraus ein Umsatz von ca. 118.000 € pro Netz-km gegenüber 78.000 € / km im GGEW-Gebiet.
Für die HSE-Brief genannten 60.600 € / km der Entega hätte man nur den Gasumsatz mit Privatkunden und kleinen Gewerbetreibenden herangezogen, da dies das Kundenprofil der GGEW sei, die anders als die Entega keine Großkunden wie Merck, Schott etc. habe.
Außerdem wurde verwiesen auf das schlechtere Verhältnis von Umsatz zu Netz-km für die im Vergleich zur Bergstraße weniger dicht besiedelten Gebiete im Odenwald, welche die HSE mitbedient. Auch bei der GGEW ist sicherlich zu einem bestimmten Anteil der Umsatz mit großen Gewerbekunden enthalten.
Wir können uns daher dieser Betrachtung der HSE so nicht anschließen - wenn man die „Nachteile“ des Odenwald-Gebiete heranziehen, müssen auch die „Vorteile“ durch die Großkunden aus der Industrie mit hohem Umsatz berücksichtigt werden..
Wenn schon Zahlen mit dem Argument Vergleichbarkeit ausgewählt werden, dann müßte man Umsätze mit gleichen Kundengruppen in Netzgebieten mit ähnlicher Siedlungsdichte gegenüberzustellen - Bergstraße auf der einen, Stadtgebiete Mainz, Darmstadt andererseits.
Die von der HSE aufgeführten Zahlen erwecken bei uns den Anschein einer manipulativen Selektion - zudem nicht überprüfbar, da die Umsätze der Entega mit Erdgas nicht getrennt nach Privatkunden, Gewerbetreibenden und Industriekunden ausgewiesen werden.
Zum Geschäftsmodell e-ben mit seiner (wie es im Brief heißt) schlanken Organisation können wir nur anmerken: wenn es möglich ist, eine derart schlanke Organisation für den Bereich Bensheim aufzubauen, warum wird dieses Know-How nicht auch bei der Entega genutzt, damit auch deren Kunden davon profitieren ?
Der Business-Plan für e-ben sieht nach dem Schreiben einen Breakeven in 5 Jahren vor, dann mit ca. 25-30% der dortigen potentiellen Kunden, d.h. ca. 20.000 Gaskunden. Bei dem durchschnittlichen Umsatz pro Kunde von etwa 1.200 Euro pro Jahr ergibt dies in 5 Jahren einen Umsatzzuwachs von ca. 25 Mio € - Peanuts im Vergleich zum heutigen HSE-Umsatz von 1 Milliarde €.
Schafft e-ben den Break-Even nicht wie geplant, sind die sog. Markteintrittskosten dieser ersten 5 Jahre als Verluste zu verbuchen - entweder gibt e-ben dann auf oder die Markteintrittsphase mit Verlusten im operativen Geschäft wird verlängert, nehmen wir an.
Ein solches Risiko für einen derart geringen Zuwachs an Umsatz - nicht Gewinn - scheint uns aus unternehmerischer Sicht nicht gerechtfertigt und unverständlich.
Steuerlich/juristisch werden diese kalkulierten Verluste zur Markteroberung natürlich nicht von den Entega-Kunden direkt subventioniert (es sind ja formal zwei getrennte Firmen), aber auf Konzernebene muß irgendein Geschäftszweig der HSE doch die möglichen Verluste der eben kompensieren.
Begründen ließe sich e-ben strategisch dann, wenn es sich tatsächlich um einen Markt mit nennenswertem Umsatzpotential ginge, aber bei dem potentiellen Zuwachs von 2,5% zum HSE-Konzernumsatz ist für uns dieses Argument Umsatzwachstum nicht schlüssig.
Wir haben auch nach unseren Gesprächen den Eindruck, daß eine wesentliche Motivation für diesen Schritt der HSE ins GGEW-Gebiet auf der persönlichen Ebene der handelnden Personen begründet liegt - bei einigen mehr ausgeprägt, bei anderen weniger.
Die HSE ist in letzter Zeit in etlichen Gemeinden bei der Vergabe der Konzessionen zum Betrieb der Netze unterlegen - wir verstehen, daß das schmerzt. Wenn in 5 Jahren die Konzessionsverträge für das Gebiet der GGEW neu zur Vergabe anstehen, soll hier ein unangenehmer Mitbewerber zumindest geschwächt werden - koste es was es wolle.
Es ist wohl kein Zufall, daß lt. Businessplan der Break-even für e-ben gerade nach 5 Jahren vorgesehen ist - in der heutigen renditeorientierten Wirtschaft ein eher langer Zeitraum. Was passiert wohl, wenn die HSE die Konzessionen dann nicht erhält ? Oder wenn e-ben zu dem angepeilten Zeitpunkt nicht schwarze Zahlen schreibt ?
08.08.2006