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Ein anderes Gleis

„Darmstädter Echo“
26. August 2010 | Von Wolfgang Görg

Und sie bewegen sich doch. Monatelang waren die Fraktionen und Oberbürgermeister in der Diskussion um den ICE-Anschluss Darmstadts in ihren Haltungen wie einbetoniert. Eine Entscheidung darüber, wie die Region an das Hochgeschwindigkeitsnetz angebunden werden soll, wurde immer wieder aufgeschoben. Damit ist viel Zeit vergeudet worden. Jetzt gibt es ein Signal, dass sich endlich Pragmatismus Bahn brechen kann.

Die gemeinsame Ausschusssitzung vom Dienstagabend könnte der Beginn einer zielführenden Debatte gewesen sein. Der Kurswechsel, der sich dabei andeutet, heißt das Aufgeben von Positionen, die im Grunde nicht mehr zusammenzuführen oder nicht umzusetzen sind.

Offenbar gibt es in den Fraktionen Tendenzen, nicht mehr unabdingbar an der Vollanbindung über den Hauptbahnhof festzuhalten. Dass das altehrwürdige Gebäude kein ICE-Bahnhof wird, mag bedauerlich sein. Doch dies wäre bei der Bahn nicht mehr durchzusetzen gewesen. Oberbürgermeister Walter Hoffmann rückt vom Fernbahnhof West ab, der bei den Fraktionen nicht mehrheitsfähig und für Fahrgäste nicht attraktiv ist.
Die Nordanbindung bedeutet zwar eine Abkehr vom ICE-Direktanschluss. Eine schnelle Verbindung zu einem vollwertigen ICE-Bahnhof ist aber allemal besser als ein Halt in Darmstadts Westen mit nur wenigen Verbindungen.

Deshalb ist es mehr als ein Kompromiss mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Die Nordanbindung ist eine vernünftige Lösung. Es fehlt dann aber noch bessere Verbindungen an die Bergstraße und nach Mannheim. Dafür muss sich Darmstadt einsetzen.
Anders als bei der früher verfochtenen Bypass-Variante über den Hauptbahnhof und anders als beim Fernbahnhof bedeutet der Shuttlebetrieb zum Flughafenbahnhof Anschluss an ICEs und andere Fernzüge in viele Richtungen. Die wenigen Hochgeschwindigkeitszüge, die ansonsten in oder bei Darmstadt gehalten hätten, böten das nicht. Zudem ist die Fahrzeit von 13 Minuten von Darmstadt zum Flughafen nur wenig länger, als Fahrgäste brauchten, die am Hauptbahnhof umsteigen und mit der Tram zum Haltepunkt fahren müssten.
Einen Haken gibt es jedoch. Das Geld. Wer bezahlt die Investition von 26,3 Millionen Euro und wer die Betriebskosten von 3,9 Millionen Euro im Jahr? Rein theoretisch wäre Darmstadt daran zu beteiligen. Doch darauf dürfen sich Oberbürgermeister und Stadt nicht einlassen. Es kann nicht sein, dass die Stadt Kosten übernimmt, wenn die Bahn einen hohen zweistelligen Millionenbetrag im Vergleich zum Bau des Fernbahnhofs einspart und selbst erklärt, die Nordanbindung rechne sich für das Unternehmen betriebswirtschaftlich. Auch bei den Betriebskosten ist deshalb ein Entgegenkommen des Unternehmens zu fordern.
Es ist Aufgabe von Oberbürgermeister Hoffmann, in den Verhandlungen auf diesen Positionen zu beharren und sich einmal durchzusetzen. Nur dann ist die Nordanbindung sinnvoll für die Verknüpfung Darmstadts und der Region mit dem ICE-Netz.

28.08.2010