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Die Nirwanabrücke

TRAUM-GLOSSE

Glosse bereits geschrieben und verschickt an die Medien als Vorahnung am 14. August 2007. Die Brücke wurde aufgebaut am 12. Oktober. Von dem Massivmonstrum, das dann tatsächlich dort aufgebaut wurde, hatte der Verfasser damals noch keine Ahnung.

Eine transparente Brücke, mehr ein Marketing - als ein Stadtzeichen, soll demnächst vom Schloss zum Schlossgraben führen... so ist das den Medienmeldungen zu entnehmen.

Es führt ein Steg nach Nirgendwo,
Den es noch gestern gar nicht gab...


Er schaut auf die Uhr, noch Zeit bis zum Beginn des Kongresses. Nachdem der neugierige, fremde Besucher vom Schlosshof den neuen Eingang - signifikant markiert durch funkelnagelneue Mauerwerksfugen und einen liegengebliebenen Schutthaufen - entdeckt hat, tastet er sich durch ein Gewölbe weiter zum in der Ferne schimmernden Sonnenlicht.

Dann steht er plötzlich, zuvor gelotst durch ein ehemaliges, zur Tür verschönertes Kulturdenkmalfenster, geplättet und geblendet vor einem Steg.
Der führt unbeschwingt geradlinig und kaum sichtbar über bewachsenes Grüntiefland. Gewissermaßen die Kleinform des Skywalks im Grand Canyon Nationalpark.
Zumindest optische Sicherheit vermitteln dem Angekommenen hölzerne Stützen und Querbalken. Auch ist die mittlere Laufachsenfläche belegt und sorgt dafür, dass nur bei ganz Ängstlichen Schwindelgefühle aufkommen, zumal der Grund unter dem Betrachter es nicht mit den 1800 Metern der Glasplattform bei unseren amerikanischen Freunden aufnehmen kann.

Dieses Gefühl, über ein Gelände zu schweben, sollten die Darmstädter frühzeitig wahrnehmen, denkt sich unser Auswärtiger. Skepsis ist ihm angeboren und er sieht schon, wie beschlagene Schuhsohlen, Autoschlüssel, Taschenmesser an dem Material ausprobiert werden und die Transparenz betrüblich hinüber sein wird.
Aber gemach, diese Gravuren erhalten sicher bei den Kunstsinnigen der Stadt den Status eines geschützten, ortspezifischen, sozialrelevanten Industriedesigndenkmals.
Dann haben die Denkmalschützer allerdings schlechte Karten mit der Reversibilität der Brücke - davon hat er doch im Zug gelesen ?
Nun denn - so weit sind wir noch lange nicht.

Der Schlossgraben selbst entpuppt sich dem ortsfremden Auge aber weder als Graben noch als romantische Talsenke, sondern bietet sich ihm als banale, vielbefahrene Straßenfläche dar.
„Quo vadis“ befragt sich der gebildete Tourist und erblickt schräg gegenüber das eigentliche Ziel seiner Wünsche, ein Gebäude, das ihn irgendwie an die Absturzstelle eines gigantischen Stealthbombers erinnert.

Nicht willig umzukehren, marschiert er neben den Autos Richtung Karolinenplatz und wundert sich über eine Fassade mit irritierend a- oder etwa nicht ?- a-a-a-symmetrisch angebrachten Fensterflächen.
Als Laie und ohne Verständnis für modernere Architektur sinniert er: hat hier der Maurer die Wasserwaage oder das Maßband verloren bei dem an sich einfachen Kastengebilde ?
An der nördlichen Kurve angelangt erblickt er zur Linken eine klassizistische, sehenswerte Fassade von Georg Moller aus dem Jahre 1819, etwas mehr links sieht er das anno1906 von Alfred Messel erbaute Landesmuseum.

Da will ich hin ! ,
- das Darmstadtium und Kongress ob dieser historischen Edelsteine vergessend - nur wie ?
Über einen weiß gestreiften Straßenübergang erreicht er schwer atmend den Karolinenplatz und trifft auf einen großen, freundlich-zufrieden blickenden Mann. Mutig spricht der etwas kleingewachsene Besucher den Großen an und fragt, warum denn in Darmstadt - außer den Shops - alles so schwer zu erreichen und zu finden sei ?

„Wir machen hier fundamental-optimistisches, praktisches Stadtmarketing im Maßstab eins zu eins. Da können wir gleich in der Realität ausprobieren was geht und was nicht. Da kommen halt schon mal Fehler vor, aber die reparieren wir dann in der nächsten Realisierungsstufe“ bekommt er zur Antwort.

Aha - denkt sich unser Mann und blickt versonnen und langsam vom grellen Sonnenlicht und dem gütigen Lächeln seines Gegenübers betäubt, schläfrig um sich.

...Er sieht einen großzügige Platz bis zum Schloss, umsäumt von herrlich anzuschauenden Gebäuden. Die Straßen tauchen in der Ferne unter den Platz und erschließen das Gebaute unterirdisch. Seine Umgebung wird belebt von eifrig diskutierenden Studenten, die ab und zu neidisch auf die im Hintergrund durchschimmernde, großzügige Parkanlage blicken, auf der sich ihre weniger arbeitsamen Kommilitonen in der Sonne aalen.

Eine wunderschöne Sandsteinbrücke führt zum Schloss über einen glitzerig fluoreszierenden Wasserspiegel, vom Darmbach und sonstigen Regenwässern gebildet und in den Untergrund unsichtbar, durch Dränrohre versickernd, auf gleichbleibendes Niveau gebracht.
Entlang des Wassers sind Sonnenschirme aufgestellt um den Cafe- oder Eisgenießern einen schattigen Raum mit Blick auf exotische Enten zu gönnen.
Ab und zu werden die Tiere von einer Wasserfontäne erschreckt, deren regenbogenbildender Wasserpuder sich kühlend auf das Pflaster legt.
Er blickt auf eine baumbewachsene, von Fußgängern bevölkerte Schneise, die Touristen wie Einheimische sicher und abwechslungsreich zur Mathildenhöhe führen wird...

schüttelt den Kopf, wacht auf, strebt eilig Richtung Hauptbahnhof um einen der seltenen und raren ICE-Anschlüsse zu ergattern.

hk

23.08.2007