hervorgegangen aus der IG-Abwasser
UWIGA informiert
Kostenexplosion der „Neuen Wege“ aufhalten oder unbeirrt weitermachen ?
Wir wissen, recht zu haben ist nicht immer angenehm. Der zuvor als engstirnig, uneinsichtig betrachtete Besserwisser wird nachher erst recht - wenn er recht hatte - als unangenehmer Zeitgenosse empfunden.
Für uns erstaunlich ist es jedenfalls nicht, wie sich jetzt die Entwicklungen rund um die „Neue Wege für Arheilgen“ darstellen. Wir haben davor gewarnt, das Projekt als überzogen, zu teuer und keineswegs bürgerfreundlich kritisiert - und gehören so zu den unbeliebten „Besserwissern“.
Die jetzt bekannt gewordene Kostenexplosion von ursprünglich 21 Mio. auf nunmehr 38,5 Mio., also eine Steigerung von 80 % !, haben aber selbst wir nicht für möglich gehalten.
Bei diesen Summen hätte das Land mit seinen Zuschüssen vermutbar „Nein“ gesagt, da sich der Nutzen-Kosten-Faktor vollkommen anders dargestellt hätte. Ernsthaft wäre in diesem Zusammenhang zu fragen, was unter dem Tatbestandsmerkmal „Subventionserschleichung“ eigentlich zu verstehen ist.
Wir sind nicht gegen einen bequemen ÖPNV (öffentlicher Personennahverkehr),aber er muss angemessen eingerichtet werden. Es wäre sicher für viele wünschenswert die „ÖPNV- Privattaxifahrt“ von der Haustüre bis in die City finanziert zu bekommen. Überzogen dargestellt sicher, aber das dient der Verdeutlichung um was es geht. Sarkastisch nachzurechnen wäre aber tatsächlich, ob eine solche „Taxi-Maßnahme“ nicht sogar billiger wäre als der jetzige Ausbau.
Es wird dringlichst Zeit über den zweiten Bauabschnitt (von 11,4 auf 15 Mio. korrigiert) ernsthaft nachzudenken, der erste ist nicht mehr aufzuhalten. Die immensen Mehrkosten dieses Abschnittes werden die Bürger übernehmen müssen, aber auch zwangsläufig die des zweiten Abschnittes ? Wir meinen, nein.
Wie blauäugig, wie dilettantisch wurde das alles kalkuliert ? Überraschungen im Untergrund, Kosten für den Ersatzverkehr, keine Vorplanung wie der dann bei der Merckschleife abgewickelt werden soll, usw. Alles tatsächlich unvorhersehbar ? Man könnte meinen, es gäbe deutschland-weit keine vergleichbare Baumaßnahme an der man sich hätte orientieren können. So hat nach unserem Wissen die HSE die Kosten für die Leitungsänderungen und Erneuerungen auf 0,4 Mio. kalkuliert, jetzt sind es satte 8 Mio.
Wir haben deshalb eine Anfrage an den Magistrat gerichtet, inwieweit sich diese Kostenexplosion auf die Anlieger auswirken wird. Auch fragen wir nach, ob daran gedacht ist, die beteiligten Planungsbüros wegen Kalkulations- und Planungsfehlern regresspflichtig zu machen.
Ein weiteres Kosten- und Gestaltungsfiasko, so ist zu befürchten, werden wir bei Beibehaltung der jetzigen Planungen auch mit der neuen Ortsmitte erleben. Welcher Supermarkt-Investor wird freiwillig und auf seine Kosten die denkmalgeschützte HEAG-Halle sensibel in sein Konzept integrieren? Doch nur dann, wenn er indirekt oder direkt von der Stadt subventioniert wird, entweder durch Grundstückspreisreduktion oder Baukostenzuschüsse. Ein Anfang in diese Richtung ist gemacht. Das Areal ist in der Bodenrichtwertkarte mit 500 Euro je qm ausgewiesen, verkauft soll für 320 Euro werden.
Akzeptabel für uns wäre ein Vollversorger mit ca. 800 qm gewesen, er wäre weitaus erträglicher einzupassen ( zum Vergleich City-Markt hat ca. 650 ) Aufgemerkt, jetzt ist ein eingeschossiger Supermarkt mit ca.1800 qm ausgeschrieben, kein Vollversorger. Ob der den erhofften Zulauf auf die umliegenden Geschäfte - so wie unablässig versichert wird - bringt? Mehr als fraglich. Mitbedingt durch ihn müssen 92 oberirdische Parkplätze in diesem städtebaulich hochwertigen Kerngelände entstehen, ein Unding. Wir sind keine PKW-Gegner, das weiß jeder der uns kennt. Aber, zuerst nimmt man die Stellplätze in der Frankfurter Straße den Geschäftsleuten wegen Gestaltungsoptimierung weg und klatscht sie zu Gunsten eines Markts in die wertvolle Ortsmitte. Die Frankfurter-Landstraße selbst wurde als idyllische Flanier-Einkaufsallee den Bürgern verkauft, herausgekommen ist eine gewaltige, schienenbestückte Ein- und Ausfallstraße, die einer Großstadt würdig wäre. Unsere Hochachtung vor dieser Konzeption, mitunterstützt von dem Grünen !
Wir appellieren erneut an die politisch Verantwortlichen, an den Gewerbeverein, das Konzept grundsätzlich zu überdenken. Warum will man partout nicht den eingeschossigen, fast 2000 qm-Marktkuchen mit seinen vielen notwendigen Stellplätzen an die Stelle der Endschleife am Ortsrand von Arheilgen setzen ? Das wäre der Situation angemessen und zudem wirtschaftlich.
Es wird da mit Drohszenarien und Zeitdruckargumenten seitens der Ortsmitte-Supermarkt-Befürworter jongliert. Man behauptet einfach, der Citymarkt schließe 2010 und die Arheilger stünden dann ohne nahversorgende Einkaufsmöglichkeit mit leeren Taschen da.
Das ist unredlich. Es ist einfach nicht war, dass der City-Markt definitiv schließt, eine Option auf weitere fünf Jahre gibt es. Die wird man aber logischerweise nur wahrnehmen können und wollen, wenn es die unmittelbare Großkonkurrenz fast gegenüber nicht gibt.
Zudem, am vorgeschlagen Standort am Ortsende könnte der Markt innerhalb eines Jahres entstehen und die Probleme mit dem Enteignungsverfahren und vermutlich auch mit dem „Mühlchen“ wären zu lösen.
Unser Vorschlag deshalb nochmals: Belassung der Schleife innerorts, geführt durch die HEAG-Halle als witterungsgeschütztem Halt und mit Umsteigemöglichkeit auf Busse. Im Innenareal eine moderate, einem Ortskern angemessenere, mehrgeschossige Bebauung.
Diese innerörtliche Schleife als zentralem, überdachtem „Umsteigeplatz“ mit Cafe, Biergarten, Kiosk, Läden (warum z.B. kein „Biocenter“ mit Direktvermarktung von Lebensmitteln aus der Region), Büros, etc. würde revitalisierend wirken und sehr viel eher positive Effekte auf den umliegenden Einzelhandel haben. Die Versorgung wäre zudem bei Weiterbestehen des Vollversorgers am jetzigen Standort oder einem Neubau am Ortsende ausreichend.
Jetzt gibt die Stadt ca. 500.000 Euro für eine kleine, wieder abzubauende Notschleife als Zwischenlösung aus. Warum nicht diesen Betrag verdoppeln und gleich die Schleife als endgültige Lösung realisieren? Das erspart dem Bürger Millionen und eröffnet zügig realisierbare Perspektiven !
Vor allem, bewahrt einen Platz als Biergarten mit Baumgrün hinter dem „Löwen“ der diesen Namen auch verdient und verhindert diesen schattigen, östlichen Schamgrünstreifen wie jetzt vorgesehen.
Bei diesen im Ortskern befindlichen Flächen handelt es sich um Filetstücke, die eine bessere Behandlung verdienen. Diese Flächen an eine Kette verkaufen und damit sich jede Chance auf die zukünftige bauliche Entwicklung zu nehmen ist unverantwortlich. Sie zeugt von einer Willfährigkeit gegenüber rein und zudem fraglichen merkantilen Gesichtspunkten, die einer Stadt, die mit dem „Darmstädter Architektursommer“ wirbt, nicht angemessen ist. Das ist eher ein frostiger Architektur-Winter.
Warum bloß hat man nicht frühzeitig einen städtebaulichen Ideenwettbewerb für dieses so wertvolle Gelände ausgelobt ? Diese einmalige Chance, Arheilgen eine identitätsstiftende, aufgewertete, ästhetisch attraktive Mitte zu geben wird nun vertan. Das Gelände verkauft die Stadt für 1,6 Mio. und sie gibt 15 Mio. für den 2.Bauabschnitt aus um die Frankf.-Landstr. angeblich - und oft noch gegen den Willen der Anlieger - „aufzuwerten“. Wir meinen: ein Wahn- und Unsinn !
Auch dieser Investoren-Wettbewerb mit Preisgericht kann die Verantwortlichen nicht entlasten. Das Preisgericht wird und darf lediglich Empfehlungen abgeben, die Verantwortung für diese Entwicklung liegt letztlich beim Parlament, das sei hier ganz deutlich gesagt. Die Ausrede, „aber das Preisgericht hat doch ...“ gilt nicht.
Vielleicht verbreiteten sich bei den Parlamentariern noch rechtzeitig Einsichten mit besseren Aus- und Ansichten. Es wurde viel Zeit vertan, über Alternativen nachzudenken war nicht erwünscht, der Supermarkt in Ortsmitte als Allheilmittel aller Einzelhandelsprobleme glorifiziert - aber noch ist Zeit für einen Ideenwettbewerb im Gesamtinteresse aller Bürger !
„Jetzt docktern wir schon so lange an dieser Sache herum, jetzt machen wir endlich Nägel mit Köpfen“ darf kein Totschlagargument bei dieser Sachlage sein.
hk 17.05.2008
15.08.2008