hervorgegangen aus der IG-Abwasser
„Sie stochern immer noch im Nebel“
Nordostumgehung: Schlagabtausch zwischen Politikern und Bürgern über die Notwendigkeit der geplanten Trasse – Im Detail noch Nachbesserungsbedarf
Hätte man vor der Podiumsdiskussion über die Nordostumfahrung am Dienstagabend eine Zahlenumgehung eingebaut, wäre die Veranstaltung wohl weniger lebhaft verlaufen. Doch die Moderatoren von der „Bürgerinitiative gegen eine Nordostumgehung“ (ONO) wollten es genau wissen. Und so entspannte sich ein teils lautstarker Schlagabtausch über den Streitpunkt, welches denn nun die richtigen Zahlen zur Begründung für die Notwendigkeit der Trasse sind.
8, 22, 70 – diese Rechnung machte beispielsweise WASG-Spitzenkandidat Michael Siebert auf: acht Prozent Durchgangs-Fernverkehr, 22 Prozent Durchgangsverkehr aus dem Nahbereich und 70 Prozent Verkehr mit Start und Ziel in Darmstadt seien unterwegs. „Diese siebzig Prozent sind unser Hauptproblem, und die fängt die Nordostumgehung gar nicht ab“, betonte er. Und erntete Widerspruch: „Die acht Prozent beziehen sich auf dem Durchgangsverkehr insgesamt“, warf Georg Hang von der Uwiga ein. „Ich hab’ ein Problem, die Zahlen als wahr oder falsch zu verifizieren.“ So seien im Zusammenhang mit der Nordostumgehung 13 000 Fahrzeuge täglich in der Hügelstraße gezählt worden, für den aktuellen Feinstaub-Aktionsplan jedoch 30 000.
Was stimme denn nun? „Die Zahlen sind nicht wichtig”, befand Andreas Roßmann von der SPD. Wichtig sei, dass die Umgehung Entlastungen bringe – und das sei der Fall. Darauf Hang kopfschüttelnd: „Mit den vorliegenden Daten kann man gar keine Lösungen bestimmen.“
Einig waren sich alle acht Parteienvertreter auf dem Podium im Martinsstift in dem Punkt, dass die Nordostumgehung nicht die alleinige und optimale Lösung für Darmstadts Verkehrsprobleme darstellt und dass man parallel dazu den Öffentlichen Personennahverkehr ausbauen und attraktiver machen und beispielsweise auf Jobtickets setzen müsse.
„Die Zahlenbasis hat in der Tat Lücken“, räumte Ralf Arnemann von der FDP ein. „Aber trotz aller Bedenken haben wir uns dafür ausgesprochen, weil in all den Jahren keine bessere Alternative aufkam.“ Auch Klaus von Prümmer von der CDU bezeichnete die veralteten Zahlen als problematisch, zweifelte aber dennoch nicht an der Notwendigkeit der Umfahrung: „Sie ist ein Schlüsselprojekt, um den überörtlichen Verkehr aus der Stadt herauszubekommen.“ Jochen Partsch von den Grünen sah im Detail noch Nachbesserungsbedarf – „aber insgesamt bringt die Nordostumgehung einen Entlastungseffekt“.
Gänzlich gegen die geplante Trasse sprach sich unter anderem Werner Krone von den Linken aus: „Vor allem aus sozialen Gründen – jeder Cent, der dafür ausgegeben wird, fehlt woanders.“ Jörg Dillmann von Uffbasse hielt eine Südumgehung für sinnvoller: „Die Nordostumgehung ist ’ne Durchführung direkt ins Weiterstädter Einkaufszentrum.“ Und Gabriele Budka von der Frauenpartei begründete ihre Ablehnung damit, dass die Umgehungsstraße nur noch mehr Verkehr anziehe. „Außerdem geht sie mittendurch und nicht außenrum.“
Das bemängelten auch Zuschauer. „Für mich ist das keine Umgehung“, rief eine Martinsviertlerin. „Hat sich jemand mal Gedanken darüber gemacht, was für eine Belastung das für die Bürger bedeutet?“ Besonderer Kritikpunkt war die Trassenführung im Bürgerpark und die Tatsache, dass achtzig Prozent der Abgase aus dem Tunnel auf Höhe des Fohlenhofs in die Luft geblasen werden. Eine Zuhörerin, die schon vor Jahrzehnten in Bürgerinitiativen gegen die Umgehung gekämpft hat, stellte schließlich der gesamten Planung ein Armutszeugnis aus: „Sie stochern immer noch im Nebel, das ist das gleiche Problem wie vor 30 Jahren.“
Alexandra Welsch
10.03.2006